“Die Klischees stimmen nicht mehr”
f 18, 2007 by admin
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Frankfurter Rundschau: Heute spielt der VfL Wolfsburg um den Einzug ins DFB-Pokalfinale. Wäre der Einzug ins Endspiel der größte Erfolg der Vereinsgeschichte?
Klaus Fuchs: Das nicht: 1995 sind wir ja sogar als Zweitligist ins Pokalendspiel eingezogen, was viele vielleicht schon vergessen haben. Das Finale wäre jetzt einer weiterer Schritt, um sich zu etablieren.
Weil das Image des Vereins und der Stadt immer noch mausgrau schimmert?
Die Entwicklung eines Klubs benötigt eine gewisse Zeit, normalerweise braucht man dafür mindestens eine ganze Generation. Dafür gibt es zwei Beschleuniger. Erstens: eine richtig attraktive Arena. Zweitens: sportlicher Erfolg, der Emotionen freisetzt. Da käme ein Pokalsieg gegen den VfB Stuttgart genau richtig.
Kann das aber grundsätzliche Defizite in Sachen Beliebtheit übertünchen? Aus Niedersachsen dringt immer noch die Kunde nach außen, Eintracht Braunschweig habe viel mehr Anhänger als der VfL Wolfsburg.
Das ist schlichtweg unwahr. Der viel zitierte Nachbar Eintracht Braunschweig besitzt ein Stammpublikum von 8000 bis 10 000 Leuten – wir sind in der Region mittlerweile klar die Nummer eins; auch bei der Abstimmung mit den Füßen. Vielleicht kann man einfach mal feststellen, dass in Wolfsburg bei 20 000 Zuschauern eine richtig gute Stimmung herrscht.
Aber Sie können doch nicht leugnen, dass der Klub in Sachen Publikumsaufkommen noch Luft nach oben hat. Derzeit liegt der Schnitt bei 18 646. Nur zu Energie Cottbus kommen weniger Zuschauer.
Korrekt liegt er derzeit bei 20 200 und steigt definitiv in den letzten beiden Spielen an. Wir haben das kleinste Einzugsgebiet aller Bundesligisten. Und im Gegensatz zum Beispiel zum VfL Bochum haben wir fast kein Derby. Der nächste Verein in 90 Kilometern Entfernung ist Hannover 96. Bochum hat das Stadion siebenmal voll – einmal gegen die Bayern, sechsmal gegen die Westvereine. Wir haben im östlichen Niedersachsen nur 700 000, 800 000 Menschen, die als Besucher in Frage kommen. Dafür haben wir ein unheimlich junges Publikum, unter 30 Jahre im Schnitt, das ist das jüngste der Liga. Unsere größte Einzelgruppe sind Schüler und Studenten. Auf Dauer sind wir auf dem richtigen Wege, über die Generationenfrage mehr Publikum zu generieren. Den 45-jährigen HSV-Anhänger aus Lüneburg werden wir nicht mehr bekehren, zu uns zu kommen.
Spüren Sie in der Liga eigentlich ein bisschen Neid? Ihr Lizenzspieleretat wird mit 25 Millionen Euro veranschlagt, kann aber nur geleistet werden, weil VW dem Verein den Rücken frei hält.
Wir spüren durchaus eine Achtung für das, was hier in den Jahren geleistet wurde. Wir haben das Problem, dass Verein und Vorurteile gegenüber der Stadt oft in einen Topf geworfen werden und daraus ein negatives Bild entsteht.
Hat Ihnen die legendäre Aussage des ehemaligen Hamburger Stürmers Valdas Ivanauskas, der kurz vor einem Wechsel nach Wolfsburg stand, dann aber absagte, weil er die Stadt zu hässlich fand, nicht über Jahre geschadet?
Da war ich noch nicht Geschäftsführer. Heute muss einiges verfälscht werden, um die Klischees zu bedienen. Wenn es heißt, kein Spieler wohnt in Wolfsburg, dann muss man fälschlicherweise alle Stadtteile zu selbstständigen Ortschaften machen. Ansonsten wohnen hier 80 Prozent unserer Profis. Marcelinho fühlt sich hier pudelwohl, die Schwägerin von Diego Klimowicz ist begeistert. Kevin Hofland träumt von der Premier League, aber eigentlich will seine Familie hier gar nicht mehr weg.
Wolfsburg ist also ein heimliches Eldorado?
Ich komme aus Kaiserslautern, war in Karlsruhe und im Elsass, bin verwöhnter Süddeutscher, und ich sage: Die Lebensqualität in Wolfsburg ist viel besser, als man nach außen glaubt, weil die Stadt nach der Grenzöffnung eine beispiellose Entwicklung genommen hat. Davor, das gebe ich zu, war hier wie in jeder Stadt an der deutsch-deutschen Grenze das Ende der Welt. Ich beispielsweise werde hier wohnen bleiben und habe mir ein Grundstück gekauft. Unserem neuen Marketingchef Marco Hopp, der aus Hamburg von Sportfive zu uns kam, gehen die Augen über, was ihm hier geboten wird. Er hat alle Vorurteile revidiert. Das reale Bild von Wolfsburg stimmt mit den Klischees einfach nicht überein. Hier wechseln die Kinder aus der Grundschule zu 100 Prozent aufs Gymnasium, weil es keine sozialen Brennpunkte gibt.
Neuzugang Marcelinho, der sich im beschaulichen Nordsteimke niedergelassen hat, scheint dies zu schätzen.
Er fühlt sich hier einfach familiär geborgen, was an einem funktionierenden sozialen Umfeld liegt, das den Spielern auch die nötige Ruhe gibt. Einen Mediendruck wie andernorts gibt es nicht, so dass die Spieler auch ungestört ihre Freizeit genießen können. Und die ländlich geprägte Region lässt alle Rückzugsmöglichkeiten zu.
Das allein hat Marcelinho aber nicht nach Wolfsburg gelockt, sondern neben 2,75 Millionen Euro Ablöse wird auch ein stattliches Gehalt gezahlt. Warum waren Sie so überzeugt, dass die bei Hertha BSC so schwer erziehbare Diva Ihrem Verein helfen würde?
In den Gesprächen habe ich bereits eine Dankbarkeit gespürt, wieder in die Bundesliga zurückkehren zu können. Und der Junge hat am ganzen Körper keine Narbe; keine schwere Verletzung, keine Operation; Marcelinho ist körperlich mit 31 Jahren top drauf. Unsere Ärzte haben gesagt, er sei ein medizinisches Phänomen – nahezu ohne erkennbaren Verschleiß. Dazu kommt, dass Marcelinho manchmal vielleicht falsch gesehen wurde: Er ist keiner, der bei Ballverlust das Spielen einstellt. Und weil er so viel zurückgibt, kann ihn eine Mannschaft ziemlich beschwerdefrei akzeptieren.
Das hört sich alles sehr gut an. Kann er so etwas wie die neue Identifikationsfigur des VfL Wolfsburg werden?
Er prägt zweifelsohne das Gesicht des VfL Wolfsburg, das merken wir ja bei den Auswärtsspielen, wenn es heißt: “Marcelinho kommt!” Aber ob er zur Identifikationsfigur à la Roy Präger werden kann, kann ich noch nicht beantworten. Dazu muss er in den zweieinhalb Jahren seiner Vertragslaufzeit diese Leistung bestätigen.
Inwieweit taugt denn Trainer Klaus Augenthaler dazu? Bei ihm wird man den Eindruck nicht los, Wolfsburg sei nur eine Zwischenstation und er am liebsten so oft wie möglich in seiner bayerischen Heimat.
Da täuscht man sich. Klaus Augenthaler ist kein Schauspieler, sondern ein sehr authentischer Mensch, der sehr akribisch arbeitet und sehr fleißig ist. Er beschäftigt sich sechs Tage lang intensivst mit dem VfL Wolfsburg, wenn er dann für einen Tag nach München zu seiner Familie fliegt, braucht er das zur kurzen Regeneration einfach. Ich finde, man kann einem Trainer nicht vorwerfen, wenn die Familie dort bleibt, wo man verwurzelt ist. Und “Auge” ist die Familie heilig. Ich habe nicht das Gefühl, dass er hier auf gepackten Koffern sitzt.
Wie sind Sie denn rein sportlich mit dieser Saison zufrieden?
Richtig ist, dass wir einen einstelligen Tabellenplatz wollten, respektive: Wir wollten nicht in den Abstiegskampf verwickelt werden. Dass eine Saison so merkwürdig verläuft wie diese, hat es doch noch nicht gegeben. Man muss auch sehen, dass wir eine Menge Konsolidierungsarbeit zu leisten haben: Es ist schwierig, einer Mannschaft, die keine mehr war, sondern nur noch ein Flickenteppich, wieder ein Gesicht zu geben, und sie zu formen, dass sie untereinander funktioniert. Ich bin jetzt zufrieden: Wir haben zwar nicht mehr Punkte als in der Hinrunde geholt, spielen aber wesentlich attraktiver.
Im Jahr 2007 hatte der VfL Wolfsburg ursprünglich mal die Parole ausgegeben, in der Champions League mitspielen zu wollen.
Diese Vorgabe ist 2002 von einzelnen Personen aus VW-Kreisen ausgegeben worden. Dieses Ziel ist ja nicht umsonst revidiert worden, auch wenn Thomas Strunz ja noch einmal auf dieser Klaviatur gespielt hatte, aber letztendlich daran gescheitert ist. Als Ziel ist das heute völlig unrealistisch. Ich sage, das Jahr 2006 mit dem Fast-Abstieg war für alle in Wolfsburg, das Umfeld, die Stadt und auch VW, sehr lehrreich. In der Bundesliga mitzumischen, stellt für einen solchen Standort schon einen Wert dar, der ein bisschen untergegangen war. Dass vergangenes Jahr hier einige Tränen geflossen sind, hat immerhin zur Traditionsbildung beigetragen.
Sie wollen möglichst bald ihren Managerposten abgeben und Thomas von Heesen als Sportdirektor einstellen. Warum treten Sie freiwillig aus der Verantwortung zurück?
Das ist so nicht ganz richtig: Ich bliebe ja Geschäftsführer Sport und wäre Vorgesetzter von Thomas von Heesen. Ich brauche nicht die Rolle der Nummer eins in den Medien, aber im Moment gibt es niemanden, der mich ersetzen könnte. Und ein mittelständiges Unternehmen mit 60 Millionen Euro Umsatz darf nicht von einer Person abhängig sein. Ein Mann wie Thomas von Heesen könnte hier auch öffentlichen Druck herausnehmen. Bei der nächsten Krise würde es doch heißen: Es fehlt die sportliche Kompetenz in der Führung. Also ist es gut, wenn wir jemand gewinnen, der allein mit seiner Karriere mehr Reputation einbringt. Das ist auch ein Nachteil unserer jungen Historie: Wir haben keinen Ex-Spieler, der sich aufdrängt, in diese Rolle hineinzuwachsen.
Kommt von Heesen?
Wir haben Gespräche aufgenommen: Die Chance für eine Zusage beträgt 50:50. Im Moment ist nicht abzusehen, ob es zur Zusammenarbeit kommt. Menschlich habe ich ein gutes Gefühl. Nun müssen wir noch Dinge wie Vertragslaufzeit und Gehalt klären. Sicherlich ist es so, dass er als Trainer bei Borussia Dortmund ein Vielfaches von dem verdient hätte, als wenn er Sportdirektor in Wolfsburg werden würde.
Noch einmal zurück zum Pokalfinale: 20 000 Karten stehen den Endspielteilnehmern zu. Würden die “Wölfe” die los?
Na logisch. Außerdem ist es von Wolfsburg nach Berlin ja nicht so weit, das liegt vor der Haustür. Fragen Sie lieber in Stuttgart nach: Die haben fürs heutige Spiel von 3000 ihnen zustehende Tickets wieder 1000 zurückgeschickt.
Interview: Frank Hellmann
Frankfurter Rundschau 18.04.2007


